Vom Zen-Meister und der ganz normalen Wiener Sommer-Anarchie
Mein Blick schweift über die Liegewiese des Gänsehäufels. Umgeben von Donauwasser, dem fernen Rauschen der Stadt und dem sehr nahen, sehr lauten Stimmengewirr der Wiener Badegewohnheiten. Es ist heiß. Die Sonne brennt gnadenlos auf den Asphalt der Alleen und auf das spärliche Gras.
Gott, ist das heiß heute. Aber gut, was erwarte ich eigentlich? Es ist Hochsommer in Wien, und die halbe Stadt hat offensichtlich dieselbe glorreiche Idee gehabt: ‚Gehen wir ins Gänsehäufel, da ist es so idyllisch.‘ Ja, eh. Idyllisch. Wenn man halt auf ein lebendes Wimmelbuch steht, in dem man sein eigenes Handtuch nicht mehr findet.
Wo schau ich überhaupt zuerst hin? Direkt vor mir … eine absolute Meisterleistung der Entspannungstechnik. Der ältere Herr dort drüben. Ein waschechtes Wiener Urgestein von einem Strandgänger. Die Badehose hat ihre besten Zeiten in den Neunzigern hinter sich gelassen, der Bauch wölbt sich stolz in die Sonne, und auf der Nase thront eine Sonnenbrille, die vermutlich noch die Kreisky-Ära miterlebt hat. Wie schafft er es, so regungslos dazuliegen? Der atmet kaum. Wenn nicht alle zwei Minuten die rechte Hand mechanisch nach der Ottakringer-Dose tasten würde, müsste man den Bademeister holen. Das ist kein Sonnenbaden, das ist professionelle Konservierung. Faszinierend.
— Ein lautes Klatschen von links, gefolgt von hysterischem Kreischen. —
Na bumm. Die Jugend von heute. Eine Gruppe Teenager am Steg. Es ist überall dasselbe Schauspiel: Keiner schaut den anderen an, alle schauen nur darauf, ob das Smartphone auch im richtigen Winkel positioniert ist, um den perfekten Sprung für TikTok einzufangen. Der eine Bub — Haare akkurat wie mit dem Lineal gezogen, Typ „wichtig, aber schüchtern“ — nimmt Anlauf. Er fliegt, er dreht sich, er … klatscht vollkommen unsauber mit dem Rücken auf dem Wasser auf. Autsch. Das hat bis hierher wehgetan. Aber herrlich: Kaum taucht er auf, ist die erste Frage nicht „Bin ich noch ganz?“, sondern „Hast du es gefilmt? War es gut?“. Die Evolution des Menschen, live im Strandbad. Wir filmen unseren eigenen Untergang, aber bitte im Hochformat.
„Heast, Kevin! Geh weg von der Entn, die beißt di!“
Ah, die Romantik der Wiener Mutter. Ein Stück weiter drüben versucht eine sichtlich überforderte Frau in einem neongrünen Badeanzug, drei Kleinkinder gleichzeitig mit Sonnencreme Faktor 50 zu panieren. Die Kinder wehren sich, als ginge es um ihr Leben, rutschen weg wie frisch gefangene Aale und sind ohnehin schon komplett mit Sand und vertrocknetem Gras bedeckt. Das Resultat? Eine perfekte, panierte Schnitzel—Optik. Guten Appetit. Und Kevin ignoriert die Warnung natürlich komplett und watschelt unbeirrt auf die Stockente zu. Die Ente schaut drein, als würde sie gleich das Jugendamt rufen. Recht hätt sie.
Eigentlich ist das hier ein einziges großes Freilufttheater. Man muss gar kein Stück schreiben, man muss sich nur hinsetzen und mitschreiben.
Da drüben, die Decken—Nachbarn. Ein junges Paar, schätze ich. Frisch verliebt? Nein, dafür reden sie zu wenig und starren zu verbissen auf ihre Displays. Oder sie sind schon im „Wir haben uns nichts mehr zu sagen“—Stadium angekommen. Sie hat sich in eine Pose geworfen, die anatomisch eigentlich unmöglich sein müsste, um keine einzige Hautfalte zu riskieren. Er liest … Moment, was liest er? Ein Buch über Kryptowährungen. Am Strand. Bei fünfunddreißig Grad im Schatten. Manche Menschen wollen sich im Urlaub einfach aktiv bestrafen, anders kann ich mir das nicht erklären.
— Der Wind dreht sich kurz und bringt eine Wolke aus Pommes-Geruch und Kokos-Sonnenmilch vorbei. —
Mmh. Der Duft des Sommers. Eine olfaktorische... äh, stinkende Nahkampferfahrung. Wobei … der Pommes-Geruch gewinnt immer. Es ist völlig egal, wie gesund man sich ernähren will, sobald man den Fuß ins Gänsehäufel setzt, schreit das Gehirn nach Frittiertem. Und nach Langos. Knoblauchfahne bei der Hitze? Ein absolutes Muss für das kollektive Badeerlebnis. Wenn man den Nachbarn auf der Liegewiese schon bis auf zwanzig Zentimeter auf die Pelle rückt, dann soll er auch was davon haben.
Apropos Platzmangel. Der Herr rechts von mir versucht seit geschlagenen fünfzehn Minuten, eine Strandmuschel aufzubauen. Diese Dinger sind eine Erfindung des Teufels, ich bin mir ganz sicher. „Pop—up—Zelt“, haben sie gesagt. „Geht von alleine auf“, haben sie gesagt. Ja, aufgegangen ist es. Wie eine aggressive Sprungfeder direkt in sein Gesicht. Jetzt kämpft er mit den Heringen im Wiener Sandboden, der so hart ist wie Beton. Seine Frau sitzt daneben im Klappstuhl, nippt an ihrem Eiskaffee und gibt im Sekundentakt Ratschläge. „Musst weiter links ansetzen, Heinz. Nein, das andere Links.“ Heinz schaut drein, als würde er die Muschel am liebsten im tiefsten Teil der Alten Donau versenken. Ich fühle mit dir, Heinz. Ich würde dir helfen, aber das Drama ist einfach zu gut.
Es ist schon skurril. Hier herinnen tun alle so, als wären sie in der tiefsten Karibik, dabei blickt man im Hintergrund auf die Wiener Skyline und die U-Bahn rattert in Sichtweite vorbei. Ein Mikrokosmos aus Handtüchern, Sonnenschirmen und aufblasbaren Flamingos. Der Flamingo dort drüben verliert übrigens Luft. Der Kopf hängt schon ziemlich traurig nach unten. Passt irgendwie zur allgemeinen Nachmittagsträgheit, die sich langsam über die Wiese legt.
Selbst die Teenager haben aufgehört zu springen. Jetzt liegen sie alle da, wie die Ölsardinen in der Dose, gargekocht von der Wiener Sonne. Nur der ältere Herr mit der Kreisky-Brille … der bewegt sich immer noch nicht. Wahnsinn. Der Mann hat sein Zen gefunden.