Zwischen Gift und Licht

Ein Schritt aus dem Dunkel – auf der Suche nach Wahrheit.


Wie habe ich mich jeweils gezogen aus dem Sumpf — umpf? Nicht aus einem mit Mücken, Schilf und trübem Wasser — sondern aus dem Morast des Rauschs, der Lügen, der süßen Versprechen, die wie Zucker schmecken und wie Gift wirken.

Und ich? Ich war durstig. Nicht nach Wasser, sondern nach Ruhe im Kopf, nach Stille im Sturm. Also griff ich zu dem, was man mir reichte: kleine Pillen, große Träume, Linien auf dem Spiegel, die mir vorgaukelten, ich könne fliegen. Die Welt wurde weich, verschwommen, tragbar — für ein paar Stunden. Die Stimmen in mir wurden leiser, aber sie verschwanden nie.

Als der Nebel sich lichtete, lag ich auf kaltem Fliesenboden. Die Deckenlampe flackerte im Rhythmus meines pochenden Schädels. Wieder einmal hatte ich mich verloren in der süßen Betäubung, im Vergessen.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag. Minuten? Stunden? Zeit hatte in meinem Kopf ohnehin keine Bedeutung mehr. Nur der Schmerz war echt. Der dumpfe Druck hinter den Augen, die Übelkeit, das Zittern meiner Finger. Ich lag da, wie weggeworfen.

Aber irgendetwas war anders dieses Mal. Vielleicht war es der Blick in die Lampe, dieses erbärmliche, flackernde Licht, das mir plötzlich vorkam wie ein stummer Schrei: Du stirbst hier, wenn du so weitermachst.

Ich kroch ins Bad. Kaltes Wasser ins Gesicht. Hände an den Spiegel. Da war sie wieder, diese Fratze – meine. Aufgedunsen. Leere Augen. Ein Mensch, der nur noch aus Ausflüchten bestand. Und doch, da war ein Funke. Ein leiser Trotz. Vielleicht war es der letzte Rest von mir.

Ich rief niemanden an. Ich wusste, was sie sagen würden. Ich wusste auch, dass ich es allein nicht schaffen würde. Aber ich wollte sehen, ob ich wenigstens den ersten Schritt ohne Applaus gehen konnte. Nur ich. Kein Lügen mehr. Keine Ausreden. Nur Wahrheit. Und Wahrheit tut weh.

Ich schloss mich drei Tage ein. Kein Stoff. Kein Besuch. Nur Wasser, Schweiß, und das Geheul meines Körpers nach dem nächsten Schuss Frieden. Ich zitterte wie ein Tier, brüllte in Kissen, halluzinierte. Aber ich blieb. Ich blieb, verdammt.

Am vierten Tag öffnete ich die Vorhänge. Licht flutete in den Raum wie eine Fremdsprache, die ich einst kannte. Ich sah raus, Menschen, Leben, Bewegung. Und ich fühlte — nichts. Aber auch keinen Drang mehr, mich zu zerstören. Nur Leere. Und Leere ist ein Anfang.

Ich googelte. Ich fand eine Gruppe. Anonyme Stimmen, echte Geschichten. Nicht predigend, nicht bemitleidend, nur ehrlich. Ich ging hin. Noch immer roch ich nach altem Rauch und kaputten Nächten, aber ich war da. Ich war da. Ich sagte nichts in der ersten Sitzung. Ich hörte nur zu. Und dann passierte es: Ich erkannte mich in ihren Worten. Nicht als Opfer. Sondern als jemand, der sich entschieden hatte, nicht mehr wegzusehen.

Es war kein Wunder, kein Filmmoment, kein Lichtstrahl auf meiner Stirn. Es war einfach ein leises Ja. Ja zu mir. Ja zum Schmerz. Ja zur Möglichkeit, dass da noch mehr sein könnte als Flucht.

Heute weiß ich: Ich werde nie wieder der Mensch sein, der ich vor all dem war. Aber vielleicht, ganz vielleicht, werde ich ein Mensch, der das alles überlebt hat.