Wenn der Calafati reden könnte …

Ein Blick auf das bunte Chaos im Wurstelprater


Schon ein Wahnsinn, dieser Kerl. Neun Meter hoch, stoisch, grinst seit gefühlt hundert Jahren in die Menge, während ihm zu Füßen das pure Chaos regiert. Was der Calafati schon alles gesehen haben muss … Wenn der reden könnte, der würde wahrscheinlich nur den Kopf schütteln und sich ein Ottakringer bestellen.

Na bumm, heute ist wieder die ganze Welt da.
Ein brutaler Samstagnachmittag.

Ich schau mir die zwei dort drüben an. Frisch verliebt, ganz eindeutig. Sie halten Händchen, als wäre ihre Haut mit Sekundenkleber zusammengeklebt. Er schaut sie an, als hätte sie das Rad neu erfunden, und sie stolpert fast über ihre eigenen Füße, weil sie nur Augen für ihn hat. Süß eigentlich. Aber wartet nur, bis ihr euch beim Autodrom streitet, wer fahren darf. Das ist der wahre Härtetest für jede Beziehung. Wer steuert, wer bremst? Wenn sie das überstehen, ohne dass einer weinend abzieht, können sie heiraten.

Ein lautes Kreischen vom „Schwarzen Reff“ reißt mich aus den Gedanken. Eine Gruppe Teenager zieht vorbei.

Gott, war ich auch mal so anstrengend? Die Burschen mit diesen Einheitsfrisuren – oben Locken, die Seiten so scharf rasiert, dass man sich daran schneiden könnte. Und die Hosen hängen irgendwo in den Kniekehlen. Sie tun so cool, boxen sich gegenseitig auf die Schultern, aber sobald ein paar Mädels vorbeigehen, werden sie plötzlich ganz steif und schauen alle synchron aufs Handy. Als ob dort gerade die wichtigste Nachricht des Jahrhunderts eingegangen wäre. „Diggah, schau mal.“ Ja, genau, Diggah. Redet lieber mit ihnen, anstatt den Bildschirm anzustarren. Aber na ja, die Unsicherheit muss man halt hinter einer dicken Schicht Coolness verstecken. Kennen wir ja alle.

„Mama, ich will aber noch ein Eis! Du hast gesagt, nach der Wildwasserbahn!“

Ah, das nächste Drama kündigt sich an. Drei Uhr nachmittags im Prater, die klassische „Zuckerschock–trifft–Erschöpfung“ – Phase. Die Mutter sieht aus, als würde sie sich am liebsten selbst in den nächsten Waggon der Hochschaubahn setzen und einfach davonfahren. Ganz weit weg. Der kleine Knirps wirft sich zwar noch nicht auf den Boden, aber die Unterlippe zittert schon verdächtig. Ein gefährlicher Zustand. Wenn sie ihm jetzt das Eis gibt, hat sie verloren. Wenn sie es ihm nicht gibt, fliegen hier gleich die Fetzen.
Pädagogik im öffentlichen Raum ist ein Extremsport, Respekt an alle Eltern.

Dort drüben, der ältere Herr auf der Bank gegenüber. Der fasziniert mich. Schicker beiger Lodenmantel — bei den Temperaturen auch mutig —, die Hände auf einem hölzernen Gehstock gestützt. Er schaut gar nicht auf die Attraktionen. Der schaut den Menschen nur ins Gesicht. Er lächelt ganz leicht. Ob der früher auch hier war? Bestimmt. Wahrscheinlich hat er vor fünfzig Jahren hier seine Herzdame zum ersten Mal geküsst, genau da hinten beim Riesenrad. Für ihn ist das hier kein lauter Vergnügungspark, das ist eine Zeitmaschine. Wie sich die Mode ändert, die Musik, die Fahrgeschäfte … aber die Gesichter der Menschen, wenn sie sich amüsieren, die bleiben wahrscheinlich immer gleich. Das hat was Beruhigendes.

Und da ist er wieder. Dieser unverkennbare Prater—Geruch. Eine Mischung aus Knoblauch vom Langos – Wahnsinn, die Fahne riecht man noch aus zehn Metern Entfernung –, süßer Zuckerwatte und diesem leicht ranzigen Fett von den Stelzen aus dem Schweizerhaus. Eigentlich pervers, aber wenn man hier sitzt, kriegt man augenblicklich Hunger. Mein Magen knurrt auch schon leise. Vielleicht später eine Grillstelze? Oder doch nur ein schnelles Paar Würstel? Na, einmal Prater, immer Prater, da gehört das sündige Essen einfach dazu. Kalorien zählen ist hier sowieso illegal.

Eine Touristengruppe schiebt sich wie eine Entenfamilie am Calafati vorbei. Alle folgen einem Mann mit einem neongrünen Regenschirm, den er hoch in die Luft streckt.

Spannend, wie man Touristen sofort erkennt. Nicht mal wegen der Kameras oder der Rucksäcke. Es ist dieser suchende, leicht überforderte Blick. Sie schauen nach oben, nach links, nach rechts, blockieren mitten im Gehen den Weg, weil sie ein Foto vom Calafati machen wollen. Ein Wiener würde hier nie stehenbleiben. Der Wiener geht mit gesenktem Kopf und leicht grantigem Schritt durch die Menge, fixiert auf sein Ziel. Aber die hier… die saugen alles auf. Sie knipsen den großen Chinesen aus jedem erdenklichen Winkel. Bitte sehr, recht habt ihr. Er hat sich heute extra fesch gemacht. Sein bunter Rock leuchtet richtig in der Sonne.

Eigentlich skurril, dass diese Figur hier das inoffizielle Wahrzeichen des Wurstelpraters ist. Ein überdimensionaler Zauberer aus Ostasien, geschaffen von einem Schausteller im 19. Jahrhundert. Passt überhaupt nicht zum klassischen Wien, und genau deshalb passt es perfekt hierher. Der Prater war immer schon der Ort, wo das Exotische, das Kuriose und das Unangepasste ein Zuhause hatten. Hier darf jeder ein bisserl verrückt sein.

Dieses bunte Durcheinander spiegelt sich auch in der Dynamik der Masse wider. Man sieht es an den Schritten der Leute; man erkennt genau, wer gerade erst angekommen ist, wer schon Stunden hinter sich hat.

Da ist noch der schnelle, federnde Gang, der erhobene Kopf, das gierige Leuchten in den Augen, die alles gleichzeitig sehen wollen. Ein paar Meter weiter wird es spürbar langsamer. Die ersten Plastiksackerl mit Lebkuchenherzen oder Plüschbären ziehen das Tempo nach unten, der Schritt wird schwerer. Schließlich jene, die sich nur noch vorwärtsmühen: Die Schultern hängen. Oft sind es Väter, ein schlafendes Kind wie eine Last über der Schulter, den Blick starr auf den Ausgang gerichtet.

Dazwischen die Prater–Stammgäste. Die Originale. Wie der Typ da drüben bei der Schießbude. Lederjacke, Sonnenbrille – obwohl er im Schatten steht, tätowierte Arme. Er steht da, raucht lässig eine Zigarette, wechselt ein paar Worte mit dem Budenbesitzer. Man merkt, die kennen sich seit Jahrzehnten. Das hier ist ihr Wohnzimmer. Während rundherum die Welt durchdreht, stehen die zwei da wie Felsen in der Brandung. Ein kurzes Nicken, ein Schmäh, den man wegen des Lärms nicht versteht, gefolgt von einem rauen Lachen.

Schön. Das ist das echte Wien, das sich hinter dem Plastik und den LED–Lichtern versteckt.

Ein plötzlicher Windstoß wirbelt ein paar leere Becher auf. Das Riesenrad im Hintergrund dreht sich majestätisch langsam, als würde es die Hektik hier unten absichtlich ignorieren.

Es tut gut, einfach nur hier zu sitzen. Nicht zu müssen, nur zu schauen. Die Welt zieht an einem vorbei, bunt, laut, manchmal anstrengend, aber unheimlich lebendig. All diese verschiedenen Leben, die sich hier für einen Bruchteil einer Sekunde kreuzen. Jeder hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Sorgen, die er vielleicht für ein paar Stunden an der Prater—Kassa abgegeben hat.

So, aber jetzt reicht’s mit dem Philosophieren. Der Calafati grinst mich immer noch so hämisch an. Ich glaube, er will mir sagen, dass es Zeit für ein kaltes Bier und eine Portion Pommes ist. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Aufstehen, Beine ausschütteln und rein ins Getümmel …