Das rote Haus

Keine Fragen. Keine Referenzen. Nur ein Ort zum Atmen.


Die Morgenstunde hatte noch keine Farbe, als Sophia die Augen aufschlug.

Drei Sekunden. So lange brauchte sie jeden Tag, um sich zu erinnern, wo sie war. Ein fremdes Bett, eine fremde Decke, der Geruch von billigem Weichspüler und kaltem Rauch. Das Zimmer war das siebzehnte in acht Monaten – sie hatte aufgehört, sie zu zählen, aber irgendwo in ihr lief die Zählung trotzdem weiter, mechanisch, wie eine Kilometerangabe auf einem Tacho, den niemand mehr abliest.

Sie setzte sich auf. Draußen vor dem Fenster lag eine namenslose Straße in einem namenlosen Ort. Mühlviertel? Waldviertel? Sie hatte in den letzten Monaten so viele Bundesländer durchquert, dass sie die Grenzen nur noch an den Dialekten erkannte, die in Raststätten Kantinen um sie herumschwappten, wenn sie mit gesenktem Blick ihren Kaffee trank.

Das Frühstück im Erdgeschoss war das, was man in solchen Pensionen eben bekam: Besteck in einem Körbchen aus geflochtenem Plastik, Aufschnitt unter Frischhaltefolie, Gebäck von gestern. Sie setzte sich an den Ecktisch, weil man von dort die Tür im Blick hatte. Das war keine Paranoia. Das war Erfahrung.

Während sie mechanisch aß, zog sie ihr Telefon hervor. Keine neuen Nachrichten. Natürlich nicht. Sie hatte die Nummer gewechselt, die alte SIM-Karte irgendwo in Graz in eine Mülltonne geworfen – zusammen mit einem anderen Leben, das sie lieber nicht genauer beschreiben wollte.

Aber dann sah sie es.

Eine Anzeige. Mitten im schläfrigen Strom ihres Feeds, zwischen Wetterkarten und Gebrauchtwagenangeboten, hatte jemand ein Foto hochgeladen. Ein Haus. Ein rotes Haus mit weißen Fensterläden am Rand eines Waldes, mit einem kurzen Text darunter: Haushälterin gesucht. Kost und Logis inklusive. Sofort. Keine Vorerfahrung nötig.

Keine Vorerfahrung nötig.

Sophia las den Satz zweimal. Dreimal. Als wäre er in einer Sprache geschrieben, die sie einmal gekannt und dann vergessen hatte.

Sie klickte auf das Profil. Ein Mann Mitte sechzig, Gregor Voss, laut Beschreibung pensionierter Arzt, alleinlebend. Das Foto zeigte ihn vor eben diesem roten Haus, die Hände in den Hosentaschen, ein Lächeln, das entweder sehr ehrlich oder sehr gut geübt war.

Sie rief an, bevor sie sich dagegen entscheiden konnte.

Er meldete sich beim zweiten Klingeln.

„Voss."

„Ich… ich rufe wegen der Anzeige an." Ihre Stimme klang fremdartig in ihren eigenen Ohren. Wie lange hatte sie nicht mehr telefoniert? Wirklich telefoniert, nicht geflüstert, nicht gemurmelt?

Eine kurze Pause. „Wann können Sie kommen?"

Keine Fragen. Kein "Erzählen Sie mir etwas über sich", kein "Welche Referenzen haben Sie?", kein "Wo haben Sie zuletzt gearbeitet?" Nur: Wann können Sie kommen?

„Heute", sagte Sophia.

Das Haus war genauso wie auf dem Foto, und gleichzeitig ganz anders. Fotos logen immer ein bisschen – sie zeigten Licht, aber kein Gewicht. Das Haus hier hatte Gewicht. Es stand seit mindestens hundert Jahren an diesem Waldrand und hatte offensichtlich vor, noch weitere hundert zu bleiben.

Gregor Voss öffnete die Tür, bevor sie anklopfte.

Er war größer, als sie gedacht hatte. Und älter. Die Augen hinter der Brille wirkten ungewöhnlich wach – ein Blick, der sie nicht nur erfasste, sondern tief ergründete. Als er sie ansah, hatte sie das merkwürdige Gefühl, Gesicht und Kleidung wären für ihn unsichtbar und er würde direkt in ihr Inneres schauen.

„Sophia", sagte er, ohne dass sie sich vorstellen musste.

Sie erstarrte. „Woher—"

„Ihr Name steht im Profil der App." Er trat zur Seite. „Kommen Sie herein. Es gibt Tee."

Die Küche roch nach Kardamom und altem Holz. Gregor Voss stellte zwei Tassen auf den Tisch und setzte sich ihr gegenüber, ohne Umschweife, ohne das höfliche Geplänkel, das sie so müde machte.

„Sie sind auf der Flucht", sagte er.

Es war keine Frage.

Sophia umfasste ihre Tasse mit beiden Händen. „Ich bin…  flexibel."

„Natürlich." Er nippte an seinem Tee. „Ich frage nicht, wovor. Das geht mich nichts an. Ich frage nur nach einer Sache."

Sie wartete.

„Wie lange wollen Sie das noch durchhalten?"

Der Raum wurde sehr still. Draußen bewegte sich ein Ast im Wind. Irgendwo im Haus tickte eine Uhr.

Sophia öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. In ihrer Jackentasche spürte sie das Gewicht des kleinen Fläschchens – sie hatte es heute Morgen doch eingesteckt, ohne darüber nachzudenken, die Hand hatte es einfach genommen.

„Ich weiß es nicht"“, sagte sie schließlich. Und das war das Ehrlichste, was sie seit Monaten gesagt hatte.

Gregor Voss nickte langsam, als wäre das die richtige Antwort gewesen.

„Das Zimmer im ersten Stock hat ein gutes Bett", sagte er. „Und einen Blick auf den Wald. Falls Sie bleiben wollen." Er stand auf und stellte seine leere Tasse in die Spüle. „Nur falls."

Später, als die Dämmerung den Wald in ein weiches Grau tauchte, saß Sophia auf der Bettkante im ersten Stock und hielt das Fläschchen in beiden Händen. Dr. Mertens hatte es ihr damals zugesteckt und gesagt, sie solle es wirklich nur im Notfall benutzen. Sie drehte es um. Las das Etikett zum hundertsten Mal.
"Nur im Notfall."

Sie stellte es auf den Nachttisch.

Dann legte sie sich hin, zog die Decke bis zum Kinn, und lauschte den Geräuschen des Waldes.