Der Abdruck

Wenn Erinnerung zur Falle wird.



Der Bus roch nach nasser Wolle und heißem Metall. Draußen fraß der Nebel die Stadt, während das Kondenswasser an den Scheiben in langsamen, zitternden Bahnen herablief und die Straßenlichter zu gelben Wunden verzerrte.
Ich saß ganz hinten am Fenster. Mein Körper vibrierte im Rhythmus des alten Motors, ein dumpfes Grollen, das sich bis in meine Zähne übertrug. Ich hielt meine Einkaufsliste wie einen Rettungsanker in der Hand, das Papier bereits weich und klamm von meinem Angstschweiß.

Drei Haltestellen noch.

Genau in dem Moment, als der Bus mit einem schweren Ächzen in eine enge Kurve einbog und mein Kopf leicht gegen das kalte Glas tippte, traf mich der Gedanke wie ein elektrischer Schlag.

Die Haustür.

Habe ich abgeschlossen?

Ich schloss die Augen und versuchte, den Moment des Gehens zu rekonstruieren. Ich sah mich den Mantel anziehen. Ich sah, wie ich die Tür zuzog. Aber das metallische Klack-Klack des Riegels? War das eine echte Erinnerung oder nur das Echo der Gewohnheit? Je länger ich suchte, desto schwärzer wurde die Lücke in meinem Kopf.
Ich zog mein Handy hervor. Meine Finger zitterten so sehr, dass ich den Entsperrcode zweimal falsch eingab. Ich wählte die Nummer von Herrn Krautwurm, meinem Nachbarn.

Es klingelte. Einmal. Zweimal. Beim vierten Mal hob er ab. "Hallo?",  seine Stimme klang belegt, als hätte ich ihn aus einem tiefen, bleiernen Schlaf gerissen. "Herr Krautwurm, entschuldigen Sie... hier ist Frau Schneegans von gegenüber. Ich bin im Bus und ich habe so ein furchtbares Gefühl. Ich glaube, meine Tür ist offen."
Ein schweres Seufzen am anderen Ende.
"Sie glauben es?"
"Bitte... schauen Sie nur kurz nach. Ich bin in zehn Minuten zurück, aber ich halte es nicht aus."
"Na gut. Warten Sie."

Ich hörte, wie er das Handy weglegte. Das Scharren von Hausschuhen. Eine Tür, die sich öffnete. Die Stille im Bus wurde plötzlich ohrenbetäubend. Der Mann mit den Kopfhörern starrte mich aus leeren Augen an; die Frau mit dem Handy tippte weiter, als würde sie mein Todesurteil schreiben.

"Frau Schneegans?",  Krautwurms Stimme war jetzt näher.
"Die Tür ist zu."
Die Erleichterung flutete mich wie warmes Wasser.
"Gott sei Dank. Danke, Herr Krautwurm. Ich... "
"Warten Sie",  unterbrach er mich. Seine Stimme hatte den genervten Unterton verloren. Sie war jetzt flach. "Sie ist zu, aber nicht abgeschlossen. Die Falle ist nicht eingerastet. Ich konnte sie einfach... aufdrücken."

In meinem Kopf machte es Klick. Ich wusste plötzlich wieder, warum ich nicht abgeschlossen hatte. Weil ich beide Hände voll mit Leergut gehabt hatte. Ich hatte die Tür nur mit dem Ellbogen zugestoßen.

"Herr Krautwurm, bitte gehen Sie nicht rein",  flüsterte ich.
"Ich bin schon im Flur. Es ist alles friedlich. Soll ich nachsehen, ob jemand..."
"Nein! Gehen Sie raus!"
"Moment. Ich schaue kurz ins Schlafzimmer. Sicher ist sicher."

Ich hörte seine Schritte auf dem Parkett. Tapp. Tapp. Tapp. Dann das Geräusch einer sich öffnenden Tür. Eine unerträglich lange Pause.

"Frau Schneegans?",  sein Flüstern war jetzt nur noch ein hauchdünner Faden. "Haben Sie heute Morgen Ihr Bett gemacht?"
"Ja",  presste ich hervor. "Ganz glatt. Warum?"   "Hier liegt jemand unter der Decke. Ich sehe den Umriss. Und... das Kopfkissen. Es schlägt Dellen, als würde gerade jemand den Kopf hineindrücken. Es ist... es ist noch warm, ich sehe, wie der Stoff sich bewegt."

Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein gefangener Vogel.
"Raus da! Sofort!"

"Warten Sie", keuchte Krautwurm.   "Da ist noch was. Unter dem Bett. Da schaut ein... "  Ein plötzliches, hässliches Scharren übertönte ihn. Das Geräusch von Fingernägeln, die über Dielen kratzen. Dann ein erstickter Laut von Krautwurm – kein Schrei, eher ein abgebrochenes Gurgeln.


Dann Stille.


"Herr Krautwurm?",  schrie ich ins Telefon. Keine Antwort. Nur ein rhythmisches Geräusch. Ein langsames, nasses Atmen, direkt am Mikrofon des Handys, das nicht von meinem Nachbarn stammte.

Der Bus stoppte nicht sanft. Er ruckte, als würde er gegen eine unsichtbare Wand prallen.
"Endstation", dröhnte die Stimme des Fahrers durch die Lautsprecher, doch sie klang hohl, wie aus einer tiefen Blechdose.

Ich stolperte ins Freie. Der Asphalt unter meinen Füßen fühlte sich fremd an, fast weich. Hinter mir schlossen sich die Bustüren mit einem gewaltigen, endgültigen Zischen, das wie ein höhnisches Lachen klang. Ich sah das rote Rücklicht, wie es tiefer in den Nebel tauchte, bis nur noch ein glimmender Punkt übrig war, der schließlich ganz erlosch.

Ich stand in absoluter Schwärze.
Nur das Handy an meinem Ohr war noch da.

Plötzlich hörte das Atmen am anderen Ende auf. Eine Stimme, die klang wie meine eigene, nur tiefer und verzerrt, flüsterte in mein Ohr:

"Lauf nicht weg, Liebes. Ich habe den Schlüssel von innen umgedreht."