Als die Dunkelheit Atem holte
Gedankenverloren, mit einem Strauß roter Rosen, drücke ich die Neun. Sie wohnt im neunten Stock, Lena, der ich vor drei Tagen endlich mit stockender Zunge gestanden habe, dass ich sie sehen will. Das Flattern in meinem Bauch ist nicht mehr nervös-süß, sondern ein nervöses, unruhiges Zittern, die Blumen fühlen sich in meiner Hand plötzlich lächerlich, kitschig an. Die silbernen Türen gleiten mit einem fast geräuschlosen Zischen zu. Der Aufzug setzt sich in Bewegung. Er ruckt. Stoppt. Dunkelheit.
Mein Atem wird zu einem hörbaren, feuchten Geräusch in der Stille.
Zu laut. Zu schnell.
Einen Herzschlag lang passiert nichts, mein Gehirn braucht einen Moment, um zu begreifen, dass der Aufzug stehengeblieben ist. Dann springt die Notbeleuchtung an. Sie taucht den metallenen Hohlraum in ein schmutziges, krankes Gelb. Ich stehe in diesem schwebenden Metallsarg, irgendwo zwischen dem vierten und dem fünften Stock, und die Luft ist bereits dick. Nicht einfach nur stickig, sondern dick wie eine zerkaute Masse, die auf der Zunge nach altem, feuchtem Rost schmeckt.
Lena wartet. Ich checke die Uhrzeit. 17:47. Ich sollte um sechs da sein. Noch dreizehn Minuten. Reicht locker, wenn sie mich gleich rausholen.
Ich drücke auf den Notknopf. Nichts passiert. Kein Summen, kein Klicken. Der Knopf gibt nach unter meinem Daumen, aber es fühlt sich falsch an. Hohl. Als würde er ins Leere drücken.
17:52.
Fünf Minuten vergangen. Oder waren es nur drei? Ich drücke wieder auf den Notknopf. Nichts. Lena checkt bestimmt ihr Handy. Vielleicht sollte ich ihr schreiben. Kein Empfang. Natürlich kein Empfang.
Was wenn sie denkt, ich komme nicht? Was wenn sie denkt, ich habe mir das anders überlegt, hab Angst bekommen, bin ein Feigling der sich nicht traut. Was wenn das hier Stunden dauert und sie irgendwann aufgibt, die Tür zumacht, mich abschreibt.
Die Kälte des Metalls kriecht durch meine Sohlen. Meine Finger zittern. Ich versuche, meine Atmung zu kontrollieren, aber jeder Atemzug ist ein kleiner panischer Stoß.
17:58.
Die Zeit kriecht. Oder rast. Ich weiß es nicht mehr.
Ich lehne mich gegen die Rückwand und schließe kurz die Augen. Morgen kann ich darüber lachen, denke ich. Morgen erzähle ich Lena, wie ich im Aufzug feststeckte und … Ein Geräusch. Leise. Von oben. Ein schleifendes Kratzen, kaum hörbar, wie ein Fingernagel, der über Stoff fährt.
Ich starre zur Decke. Nichts. Nur das fahle Gelb der Notbeleuchtung und die schwarzen Lüftungsschlitze. Das Geräusch kommt wieder. Diesmal länger. Deutlicher. Mechanik, sage ich mir. Ein lockerer Kabelkanal. Eine vibrierende Strebe. Irgendwas. Die Fehlfunktion eben. Aber das Kratzen wandert. Von links nach rechts. Langsam. Methodisch.
Mein Magen zieht sich zusammen. Ich drücke wieder auf den Notknopf. Wieder. Wieder. Der hohle Klick ist das einzige Geräusch, das ich kontrollieren kann.
18:21.
Lena hat aufgehört zu warten, denke ich. Sie sitzt jetzt auf ihrer Couch, hat die Kerzen ausgepustet, die sie vielleicht angezündet hatte. Oder sie ist wütend. Oder enttäuscht. Oder … Das Kratzen stoppt. Die Stille danach ist schlimmer. Sie fühlt sich wach an. Aufmerksam.
Ich schaue auf den Boden, suchend nach irgendetwas Normalem. Die Rosen liegen neben meinem Fuß. Drei Blütenköpfe haben sich gelöst, liegen zerstreut auf dem Metall. Ich hebe einen auf. Die Blütenblätter sind noch feucht. Frisch. Warum sehen sie gelber aus im Licht? Ich lasse die Blüte fallen. Meine Hand zittert stärker jetzt.
Das Licht flackert. Nur einmal. Kurz. In diesem Bruchteil der Dunkelheit höre ich etwas. Ein Atemzug. Nicht meiner. Zu tief. Zu nah.
Als das Licht zurückkommt, sieht alles gleich aus. Der Aufzug. Die Wände. Die Tür. Aber etwas fühlt sich anders an. Der Druck. Als hätte sich der Raum unmerklich verengt. Als würde die Luft weniger Platz einnehmen als vorher. Ich starre die Tür an, diesen schmalen Spalt, wo die beiden Hälften aufeinandertreffen. Ist der immer so breit gewesen? Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube nicht. Mein Herzschlag dröhnt in meinen Ohren.
18:25. Was wenn sie nie gewartet hat? Was wenn das alles … Das Licht flackert wieder. Länger diesmal. Drei Sekunden Dunkelheit. In diesen drei Sekunden höre ich es deutlich: Ein Wispern. Keine Worte. Nur ein Hauch, der zu nah an meinem Ohr ist, zu nah an meiner Haut.
Das Licht kommt zurück. Ich presse mich gegen die Wand. Die Kälte brennt durch mein Hemd. Der Spalt in der Tür ist breiter geworden. Nicht viel. Vielleicht einen Zentimeter. Aber ich sehe es. Ich sehe die Schwärze dahinter, und sie ist nicht die Schwärze eines Schachts. Sie ist absolut. Vollständig.
Ich schließe die Augen. Zähle bis drei. Wenn ich sie öffne, sage ich mir, ist alles normal. Der Aufzug ist nur kaputt. Nur ein kaputter Aufzug. Eins. Das Kratzen beginnt wieder. Direkt über meinem Kopf. Zwei. Der Druck im Raum verändert sich. Etwas zieht die Luft aus meinen Lungen. Drei. Ich öffne die Augen. Der Spalt ist jetzt breit genug für eine Hand. Und das Licht … Das Licht beginnt zu sterben. Nicht flackernd. Nicht abrupt. Es dimmt. Langsam. Als würde es aufgesaugt.
Ich taste nach dem Notknopf, finde ihn, drücke mit aller Kraft. Der hohle Klick. Wieder. Und wieder.
Und dann, in der letzten Sekunde, bevor die Dunkelheit vollständig wird, sehe ich etwas im Spalt der Tür. Keine Hand. Keine Form. Nur eine Bewegung. Ein Verformen der Schwärze. Als würde sie atmen. Das Licht erlischt. Vollständige Finsternis.
Ich höre meinen eigenen Atem. Und noch einen. Direkt vor mir. Meine Hand schießt nach vorne, wild, reflexartig, findet nur Leere und kalte Luft. Ich stolpere zurück, mein Rücken knallt gegen die Metallwand, und der Aufprall hallt durch die Dunkelheit wie ein Gong in einer leeren Kirche. Das fremde Atmen verstummt. Aber die Stille, die bleibt, ist keine Erleichterung. Sie ist gespannt. Lauernd.
Ich taste an der Wand entlang, suche die Ecke, den Halt. Meine Finger streichen über die glatten Metallpaneele, und plötzlich … etwas Nasses. Warmes. Es rinnt über meine Fingerknöchel. Das Kratzen über mir beginnt erneut. Schneller jetzt. Hektischer. Als würde etwas ungeduldig werden.
„Hallo?" Mein Flüstern bricht in der Mitte. Keine Antwort. Aber das Atmen kommt zurück. Diesmal von der Seite. Als hätte es sich bewegt, während ich nicht hingehört habe.
18:33.
Ich sehe die Ziffern nicht, aber ich spüre, wie die Zeit vergeht. Jede Sekunde ein kleines Sterben. Lena wartet nicht mehr, sage ich mir. Sie hat aufgegeben, ist vielleicht eingeschlafen, denkt, ich habe sie versetzt. Ich werde hier gefunden. Morgen. Übermorgen. Von Technikern, die die Tür aufbrechen. Aber werde ich noch da sein?
Ein neues Geräusch. Metallisches Kreischen, lang und durchdringend, wie etwas, das aufgerissen wird. Die Tür. Die Tür öffnet sich weiter. Ich kann es nicht sehen, aber ich höre es. Und ich spüre es … die Schwärze, die durch den Spalt dringt, sie ist nicht passiv. Sie bewegt sich. Sie fließt. Sie füllt den Raum.
Meine Knie geben nach. Ich rutsche an der Wand herunter, kauere mich zusammen, mache mich klein. Das Atmen ist jetzt überall. Über mir. Neben mir. In mir. Und dann … ein Flüstern. Diesmal verstehe ich es. Mein Name. Gesagt in einer Stimme, die nicht Lena gehört. Die niemandem gehört. Ich presse meine Hände auf die Ohren, aber es hilft nicht. Das Flüstern kommt von innen.
Das Kreischen der Tür stoppt. Die Schwärze ist da. Vollständig. Sie hat den Aufzug ausgefüllt wie Wasser einen Eimer. Ich spüre sie auf meiner Haut. Kalt und schwer und hungrig.
Mein letzter Gedanke, bevor ich aufhöre zu denken: Lena wartet nicht mehr. Und ich werde nie im neunten Stock ankommen.