Die Schritte, die keine sind.
Der November roch nach kaltem Metall, als ich den Schlüssel ins Schloss schob. Meine Hände waren taub vom Regen, die Kälte hatte sich bis unter die Haut gefressen. Ein Tag, der sich anfühlte wie eine nasse Decke: schwer, graufleckig, über alles gelegt.
Das Handy vibrierte in meiner Jackentasche, gerade als ich die Tür aufdrückte. Eine Sprachnachricht von meiner eigenen Nummer.
Ich blieb im Flur stehen, der Schlüssel noch in der Hand. Das Display leuchtete: "Sprachnachricht von dir selbst." Mein Puls beschleunigte sich. Jemand hatte Zugriff auf meinen Account. Musste sein. Ich drückte Play.
Rauschen. Dann Atmen, keuchend, gehetzt.
Dann meine Stimme: "Das Kippfenster. Im Bad. Du hast es heute Morgen offengelassen."
Ich löschte die Nachricht sofort. Irgendein Hacker-Trick, Roboterstimme, was auch immer. Ich ging ins Bad. Das Fenster stand tatsächlich offen.
Natürlich, ich hatte gehetzt geduscht heute Morgen. Jemand hatte mich beobachtet, das war die einzige Erklärung.
Ich schloss das Fenster und rief Lisa an.
Sie nahm nach dem dritten Klingeln ab.
"Hey, sorry, ich glaub, jemand ist in meinem Handy. Ich hab so eine unheimliche Nachricht ... "
"Warte." Ihre Stimme klang angespannt. "Von deiner eigenen Nummer?"
Ich erstarrte. "Woher weißt du das?"
Stille. Dann: "Ich hatte das auch. Vor drei Wochen. Hör einfach nicht drauf, okay? Lösch sie und... " Die Verbindung brach ab.
Ich wählte erneut. Besetzt. Dann vibrierte mein Handy.
Wieder meine Nummer.
Ich wollte nicht. Aber meine Hand bewegte sich wie von selbst. Play.
"Du hast Lisa angerufen." Meine Stimme, leiser jetzt. Resigniert.
"Das ändert nichts. Geh ins Wohnzimmer. Zieh die Vorhänge zu. Bevor es dich sieht."
Bevor was mich sieht? Aber da war etwas in dem Ton, keine Panik, sondern Erschöpfung. Als hätte ich diese Worte schon hundertmal gesagt und wüsste, dass sie nichts ändern würden.
Ich ging zum Fenster. Draußen nasser Asphalt, Laternen, leere Straße.
Ich griff nach den Vorhängen ... und sah es.
Unter der Laterne gegenüber. Eine Gestalt. Meine Größe, meine Haltung. Sie stand vollkommen regungslos und schaute direkt zu meinem Fenster hoch.
Ich trat zurück, Herzschlag im Hals. Das Handy vibrierte.
"Du hast hingeschaut." Meine Stimme klang jetzt müde, fast mitleidig. "Jetzt weiß es, dass du da bist. Es wird kommen. Um 3:47 Uhr. Stell den Wecker. Wenn du aufwachst, bleib liegen. Egal was du hörst. Wenn du zur Tür gehst, wird es dich finden. Dann fängt alles von vorne an."
Stille. Dann, kaum hörbar: "Ich hab es schon siebenmal versucht. Bitte. Diesmal musst du es richtig machen."
Die Aufnahme brach ab.
Meine Hände zitterten. Ich rief die Polizei an. "Es steht jemand vor meinem Haus und ... "
"Adresse?"
Ich gab sie durch, schaute wieder aus dem Fenster. Die Gestalt war weg.
"Wir schicken eine Streife vorbei."
Zwanzig Minuten später kamen sie. Fanden nichts. Keine Fußspuren, keine Person. Sie notierten alles, sagten, ich solle mich melden, wenn wieder etwas passiere. Ihre Blicke sagten: übermüdete Frau, zu viel Netflix.
Ich schloss die Tür hinter ihnen und lehnte mich dagegen. 23:18 Uhr.
Ich würde nicht schlafen. Unmöglich. Ich machte Kaffee, setzte mich ins Wohnzimmer, schaltete alle Lichter an. Die Vorhänge waren zu. Das Fenster im Bad verriegelt. Die Wohnungstür doppelt abgeschlossen.
Gegen Mitternacht wurde der Kaffee kalt. Meine Augen brannten.
Ich weiß nicht, wann ich einschlief.
Ich erwachte mit einem Ruck. Dunkelheit. Stille.
Das Display meines Handys leuchtete: 3:47 Uhr.
Ich hatte keinen Wecker gestellt.
Dann hörte ich es. Schritte im Flur. Das Knarren der Dielen, die vertrauten Stellen. Jemand war in meiner Wohnung.
Panik kroch meine Wirbelsäule hinauf. Bleib liegen, hatte die Stimme gesagt. Aber das war verrückt. Ich musste zur Tür, musste fliehen, die Polizei rufen ...
Die Schritte kamen näher. Hielten vor der Wohnzimmertür.
Ich presste mich in die Sofakissen, versuchte, meinen Atem zu kontrollieren. Das Handy auf dem Couchtisch begann zu vibrieren. Der Bildschirm zeigte: Aufnahme läuft.
Die Tür öffnete sich.
Im Rahmen stand eine Silhouette. Meine Größe. Tropfnasse Kleidung. Im schwachen Licht der Straßenlaternen konnte ich kein Gesicht erkennen, nur die Kontur meines eigenen Körpers.
Die Gestalt neigte den Kopf. Lauschte.
Ich hielt die Luft an. Jede Faser meines Körpers schrie: Lauf. Aber ich blieb liegen, verkrampft, die Augen halb geschlossen.
Die Gestalt trat einen Schritt ins Zimmer. Dann noch einen. Sie stand jetzt direkt neben dem Sofa. Ich spürte Wasser auf meine Hand tropfen. Eiskalt.
Eine Ewigkeit verging. Oder Sekunden. Ich weiß es nicht.
Dann drehte sie sich um. Ging zurück zur Tür. Durch den Flur.
Das Klicken des Schlosses.
Stille.
Ich blieb bis zur Morgendämmerung liegen. Grau und kalt kroch das Licht durch die Vorhänge.
Gegen sieben stand ich auf, die Glieder steif. Die Wohnungstür war abgeschlossen. Von innen. Keine Spuren. Kein Wasser auf dem Boden. Nichts.
Aber mein Handy zeigte eine Aufnahme. Vier Minuten, zwanzig Sekunden.
Mit zitternden Fingern drückte ich Play.
Meine Stimme, verzerrt: "Das Kippfenster. Im Bad. Du hast es heute Morgen offengelassen."
Pause. Atmen.
"Du hast Lisa angerufen. Das ändert nichts."
Pause.
"Du hast hingeschaut. Jetzt weiß es, dass du da bist."
Und dann, am Ende, etwas Neues. Eine zweite Stimme. Auch meine. Aber anders. Rauer. Verzweifelter.
"Ich hab es geschafft. Diesmal hab ich es geschafft. Es ist weg."
Eine Pause. Dann, leiser: "Bis morgen."
Die Aufnahme brach ab.
Ich löschte alles. Die Nachrichten, die Aufnahme. Blockte meine eigene Nummer. Änderte alle Passwörter.
Lisa rief zurück. Ihre Stimme klang erleichtert. "Entschuldige, gestern ist mein Akku gestorben. Alles okay bei dir?"
"Ja", log ich. "Alles okay."
Den ganzen Tag über schaute ich auf mein Handy. Nichts. Keine Nachrichten. Kein Vibrieren.
Am Abend stand ich wieder vor meiner Tür, den Schlüssel in der Hand.
Es hatte angefangen zu regnen.
Ich ging ins Bad. Das Fenster war zu. Ich überprüfte es zweimal.
Im Wohnzimmer zog ich die Vorhänge zu, ohne hinauszuschauen.
Ich legte mich früh schlafen. Stellte den Wecker auf 3:46 Uhr.
Vielleicht war es vorbei. Vielleicht hatte ich es durchbrochen.
Vielleicht.
Aber als ich die Augen schloss, fiel mir ein, dass ich heute Morgen das Fenster im Bad gar nicht geöffnet hatte.
Ich dusche immer abends.