Was die Finger vergessen

Eine Inventur zu: Es tropft und tropft …


Der Desinfektionsmittelspender hängt schief.


Ein klobiges Ding aus mattem Aluminium.
Der Hebel ist verbogen,
als hätte jemand einmal zu fest gedrückt.
Vielleicht aus Eile.
Vielleicht aus Angst.
Vielleicht hat auch nur ein Bett dagegen gestoßen.
Er hängt ein paar Grad nach links.
Nicht genug, dass jemand ihn richtet.
Ich starre ihn an, weil er das Einzige im Raum ist, das nichts von mir will.

Über mir tropft die Infusion.


eins.

Mit sieben habe ich den Palstek gelernt.
Mein Vater hat meine Hände genommen
und sie durch die Bewegung geführt.
„Schlaufe. Das Ende durch. Einmal herum. Zurück.“
Noch einmal.
Noch einmal.
Bis meine Finger es ohne ihn konnten.
„Hält, wenn du ihn brauchst“, hat er gesagt. „Löst sich, wenn du willst.“


zwei.

Die Nadel in meinem Handrücken juckt.
Ich schaue nicht hin.
Das war das Erste, was ich hier gelernt habe.


drei.

Irgendwo auf dem Gang huschen Schritte.
Gummi auf Linoleum.
Ein kurzes Piepen.
Dann wieder Stille.
Früher habe ich versucht zu erraten, zu wem das gehört.
Jetzt nicht mehr.
Die Nacht hier ist voll von Geräuschen, die niemanden meinen.


vier.

Mit sechzehn habe ich jemanden vor einer geschlossenen Trafik geküsst.
Die Jalousie war halb unten, ein Gitter aus kaltem Stahl.
Es hat nicht geregnet, es hat genieselt – dieser feine Dreck,
der sich auf die Haut legt und alles grau macht.
Wir haben uns gegen das Metall gelehnt,
bis die Streben sich in meine Jacke gedrückt haben.
Ich dachte, das hier sei der Anker.
Dabei war es nur das Warten auf den Bus.
Später kam er dann ja auch.


fünf.

Meine Mutter hat immer gesagt, man solle das Bett machen.
Jeden Morgen.
Auch wenn niemand kommt.
Ich habe das nie verstanden.
Jetzt auch nicht.


sechs.

Ihre Hände strichen die Leintücher immer so glattgezogen,
dass man eine Münze darauf hätte springen lassen können.
„Wer das Bett macht, lässt einen Platzhalter zurück“, hat sie gesagt.
Als wäre Ordnung ein Versprechen, dass der Raum einen wiedererkennt.
Als ich das letzte Mal gegangen bin,
habe ich die Decke einfach nur zurückgeschlagen.
Ein offenes Grab aus Baumwolle.
Ich dachte: Ich bin ja gleich wieder da.


sieben.

Das Fenster gegenüber ist schwarz.
Kein Mond, nur das ferne Glimmen einer Klimaanlage auf dem Dach.
Nach einer Weile beginnt das Auge, die Leere zu füllen.
Ein Stuhl wird zu einem Wärter.
Ein Infusionsständer bekommt ein Gesicht aus Schläuchen.
Wenn man lange genug hinsieht, fängt alles an zu atmen.
Nur ich nicht.


acht.

Die Geräte atmen.
Leise.
Gleichmäßig.
Unter den Decken liegt ein Körper, der meiner sein soll.
Er fühlt sich eher ausgeliehen an.


neun.

Ich bewege die Finger.
Der kleine Finger bewegt sich.
Der Ringfinger ein bisschen.
Der Rest bleibt liegen.
Ich warte einen Moment, ob sie sich umentscheiden.

Tun sie nicht.


zehn

Der Schlaf kommt kurz und verschwindet wieder.
Ein Restbild bleibt hängen:
Werkstattlicht.
Der Geruch von Metall.
Ein Seil liegt auf der Werkbank.
Steif wie Draht.
Ich will den Palstek binden.
Meine Finger knicken einfach weg.
Ich wache auf.
3:51 Uhr.


elf.

Die Haut um die Kanüle ist feucht.
Ich drücke auf den Knopf.
Warte.


zwölf.

Die Krankenschwester kommt ohne Licht herein.
Sie richtet den Schlauch, klebt etwas fest, tippt auf das Gerät.
Ich sage: „Ich zähle die Tropfen.“
Sie nickt.
Als hätte sie diese Nacht schon Verrückteres gehört.
Dann geht sie wieder.


dreizehn.

Mit neunundzwanzig habe ich aufgehört zu rauchen.
Nicht aus Einsicht.
Jemand hat einfach meine Hände gehalten und gesagt, ich solle es lassen.
Ganz ruhig.
Als würde sie mich um etwas bitten.
Drei Jahre lang habe ich nicht geraucht.
Dann wieder.
Der Körper vergisst so etwas nicht.


vierzehn.

Der Beutel über mir ist kleiner geworden.
Es passiert so langsam, dass man es nur merkt,
wenn man lange genug hinsieht.


fünfzehn.

Kurz vor fünf denke ich an Dinge, die ich nicht gesagt habe.
Nicht aus Stolz.
Eher aus Bequemlichkeit.
Die sich damals wie Würde angefühlt hat.
Als du die Taschen gepackt hast,
habe ich auf einen Fleck im Teppich gestarrt und gefragt,
ob du den Staubsauger im Flur stehen lässt.
Ich wollte, dass du über das Kabel stolperst.
Dass du fällst.
Und bleibst.
Stattdessen habe ich nur den Stecker gezogen.


sechzehn.

Ich hebe die Hände ein Stück über die Decke.
Da ist kein Seil.
Nur meine Finger.
Die Bewegung kenne ich noch.
Schlaufe.
Das Ende durch.
Einmal herum.
Zurück.
Meine Finger bleiben stehen.
Ich weiß noch, wie es geht.
Sie nicht.


siebzehn.

Draußen wird der Himmel heller.
Kaum sichtbar.
Aber die Dunkelheit wird dünner.


achtzehn.

Das Bett zuhause.
Ich habe es nicht gemacht.
Ich frage mich, ob es noch nach mir riecht.
Dann frage ich mich, ob Betten überhaupt jemanden behalten.


neunzehn.

Auf dem Gang wieder ein Piepen.
Einmal.
Noch einmal.
Dann Stille.
Gleich wird jemand hereinkommen, das Licht anmachen,
den Beutel wechseln, etwas aufschreiben.

Der Tag beginnt auch ohne mich.
Ohne zu fragen.

Die Infusionsflasche tropft.
Ich warte auf den nächsten.

Der Tropfen fällt.
Ich bin bei neunzehn gewesen.