Henkel nach links

Es tropft und tropft …



Erst jetzt, wo Thomas schwieg, hörte Martha das Haus.


Das Haus hatte seine Stimme verloren, aber die Dachrinne hämmerte weiter. Es war kein Tropfen; es war ein metallisches Stolpern gegen das verbogene Blech, jedes Mal, wenn das Wasser die schadhafte Stelle traf.

Martha starrte auf die Gießkanne. Sie hatte diese Delle seit den Neunzigern, ein Andenken an einen Winter, in dem das Eis sie gesprengt hatte. Thomas hatte sie nie weggeworfen. Er hielt an Dingen fest, die funktionierten, solange man wusste, in welchem Winkel man sie halten musste. Er selbst war bis zum Schluss davon überzeugt gewesen, dass es für jedes Problem auf dieser Welt die exakt passende Zange gab. Man musste sie nur finden und lange genug zudrücken.

Draußen war das Licht von einer schmutzigen Farblosigkeit. Zweiundfünfzig Jahre in diesem Haus, und erst jetzt bemerkte sie, wie laut die Stille war, wenn das rhythmische Fluchen von Thomas’ Werkzeugen fehlte. Er hatte das Haus gewartet wie eine Maschine, die ihm Gehorsam schuldete. Wenn sie ihn rief, weil der Abfluss stockte, kam er nicht mit Trost, sondern mit einem Eimer. Er hatte zwei Stunden unter dem Waschbecken gelegen, schweigend, ein mechanisches Gebet verrichtend. Als er nach dem Schraubenzieher verlangte, reichte sie ihm den falschen. Er hatte nicht geflucht. Er hatte nur die Hand gehoben – eine Geste, die sie jahrelang als Einverständnis gedeutet hatte. Jetzt, in der Küche stehend, fragte sie sich, ob es nicht einfach nur Erschöpfung gewesen war.

Das Hämmern der Dachrinne setzte sich in ihr fest. Es war kein sanfter Regen-Soundtrack; es war eine Mahnung.

Sie riss die unterste Schublade der Kommode auf. Sie klemmte, natürlich. Thomas hatte immer gesagt, man müsse sie links anheben, aber sie weigerte sich, dieses Erbe anzunehmen. Sie riss noch einmal, bis das Holz schrie.

Das Notizbuch roch nach altem Tabak und der sturen Zuversicht, dass sich das Leben in Listen ordnen ließe.

Unter D stand nichts.

Unter S: Schlosser Kern. Spengler Bauer.

Daneben, in seiner steilen, nach vorn kippender Schrift: Elektriker Haas (langsam, aber gründlich).

Diese Klammer brannte in Marthas Augen. Thomas hatte nie beschreibende Wörter benutzt. (langsam, aber gründlich) — war in seinem Universum fast schon eine Liebeserklärung. Oder eine Warnung vor verschwendeter Lebenszeit. Sie wusste es nicht. Sie würde es nie wissen.

Sie wählte Bauer.

„Spenglerei Bauer.“

„Weber“, sagte sie, und ihre Stimme klang hohl. „Die Rinne ist lose. Das Wasser schlägt gegen das Blech.“

„Frau Weber. Wir könnten nächste Woche –“

„Donnerstag“, unterbrach sie ihn. „Nicht nächste Woche. Donnerstag.“

Es entstand eine Pause am anderen Ende. Wahrscheinlich suchte Bauer nach einer Ausrede, aber Martha hielt die Stille aus. Sie hatte sie bei Thomas gelernt.

„Vormittags“, sagte Bauer schließlich. „Halb zehn.“

Sie legte auf.

Die Seiten rauschten unter ihrem Daumen, ein Katalog aus Mängeln und Lösungen. Thomas hatte das Haus wie ein Logbuch geführt, jeden Riss in der Wand, jede spröde Dichtung. Es war die Chronik eines Kampfes gegen den Verfall, eine Geschichte ihrer Ehe, erzählt in Ersatzteilen.

Mitten in dieser Ordnung stieß sie auf den Eintrag vom 7. Jänner 1982. Ein Donnerstag.

Dort stand nur: Haas. Sicherungskasten. 4 Stunden.

Sie erinnerte sich an diesen Donnerstag. Thomas war nach dem Abendessen ins Wohnzimmer gegangen und hatte aufgehört zu existieren, obwohl er noch im Sessel saß. Er hatte kein Wort mehr gesagt. Nicht an diesem Abend, nicht in der Nacht. Sie hatte damals gedacht, sie hätte etwas falsch gemacht. Dass das Fleisch zu trocken war oder ihre Anwesenheit zu laut. Sie war ins Bett gegangen und hatte gewartet, dass die Matratze unter seinem Gewicht nachgab, aber er kam erst Stunden später. Am nächsten Morgen stand der Kaffee bereit, als wäre nichts gewesen.

Vier Stunden hatte Haas am Sicherungskasten gearbeitet. Thomas hatte danebengestanden. Vier Stunden Schweigen über Drähte hinweg. War das der Moment gewesen, in dem er beschlossen hatte, dass Reden nichts repariert?

Martha schlug das Buch zu. Der Geruch nach Tabak klebte an ihren Fingern wie ein Vorwurf.

Sie ging zurück in die Küche. Die Tasse von heute Morgen stand noch auf der Anrichte. Eine von den guten, mit dem Goldrand, die Thomas nie mochte, weil der Henkel zu klein für seine Arbeiterfinger war.

Früher hatte sie die Tassen im Schrank immer akribisch ausgerichtet. Alle Henkel nach rechts. Eine kleine Armee der Ordnung, die Thomas’ Vorliebe für Symmetrie schmeichelte. Er hatte es nie kommentiert, aber sie wusste, dass er es sah. Es war ihre Art gewesen, „Ich liebe dich“ in die Keramik zu schreiben, ohne ihn mit Worten zu belästigen.

Sie nahm die Tasse, trocknete sie langsam ab und öffnete den Schrank. Die anderen Tassen starrten sie an, ihre Henkel wie salutierende Soldaten nach rechts gewandt.

Martha schob ihre Tasse hinein. Der Henkel zeigte nach links. Er ragte aus der Reihe wie ein Fehler im System, wie ein Widerstand gegen eine Logik, die nicht mehr ihre war.

Sie schloss die Schranktür. Das Klicken des Schnappers war der Schlusspunkt unter ein Kapitel, das zweiundfünfzig Jahre gedauert hatte. Es war der erste Schritt auf ihrem eigenen Weg — der Weg von der Funktion in die Freiheit.

Draußen schlug das Wasser weiter gegen die Rinne. Ein metallisches, hämmerndes Geräusch. Der Spengler würde am Donnerstag kommen, er würde das Blech biegen und die Stille wiederherstellen. Aber Martha merkte, dass sie nicht mehr darauf wartete.

Das Hämmern draußen war jetzt nur noch Regen auf Metall – ein Geräusch der Welt, nicht mehr ein Befehl an sie selbst, etwas in Ordnung zu bringen.

Es tropfte und tropfte draußen.
Aber es war nur noch Regen.