Die Farben von Nexus

Was nützen mir die Farben, wenn ich nicht weiß, was ich malen soll?


Das, was auf meiner Schreibtischunterlage stand, erkannte ich zuerst nur durch den leichten Durchdruck. Neugierig strich ich mit dem Bleistift darüber und plötzlich erkannte ich diese Umrisse wieder:

Komm zu Nexus. Die wahre Farbe erwartet dich.

Ein rätselhafter Satz, der auf meiner Schreibtischunterlage stand und mich sofort in seinen Bann zog. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr stieg eine Frage in mir auf: Was nützen mir die Farben, wenn ich nicht weiß, was ich malen soll?

Plötzlich schien die Unterlage unter meinen Fingern zu vibrieren, die Linien der Schrift zogen sich wie lebendige Ranken zusammen, bis sie sich zu einem dunklen Wirbel formten. Der Wirbel breitete sich langsam aus und zog mich sanft in seinen Sog.

Die Welt um mich herum begann zu zerfließen. Der Turm löste sich in einzelne Pinselstriche auf, die Farbströme verdampften zu farbigem Nebel, und die schwere Luft wurde zu einem sanften Wind, der nach Bleistiftspänen roch.

Am Horizont erhob sich ein gewaltiger Turm ausleuchtenden Farbpigmenten – Nexus.

Dort sollte ich also hin, doch ich hatte kein Bild im Kopf, keine Vorstellung, keine Ahnung, was ich malen sollte. Und doch fühlte ich, dass genau hier mein Werk beginnen musste. Denn in Nexus warteten nicht nur Farben, sondern das Geheimnis, das meine Seele suchte.

Doch was, wenn die Farben mich malen wollten?

Als ich den ersten Schritt in Richtung des Turms machte, begannen sich die Farbströme unter meinen Füßen zu bewegen. Sie krochen an meinen Beinen empor wie hungrige Schlangen, hinterließen leuchtende Spuren auf meiner Haut. Ein tiefes Violett, das nach Melancholie schmeckte, umschlang mein linkes Handgelenk, während ein brennendes Orange, scharf wie Kupfer, meinen rechten Arm emporkletterte.

"Du suchst die wahre Farbe“, flüsterte eine Stimme aus den Pigmenten. „Doch welche Wahrheit willst du malen?

Ich versuchte zu antworten, doch aus meinem Mund kamen nur farbige Blasen hervor, die in der schweren Luft zerplatzten und kleine Regenbögen freisetzten.

Die Farben auf meiner Haut pulsierten rhythmisch, als hätten sie einen eigenen Herzschlag. Mit jedem Pulsschlag wurde ich selbst ein wenig durchsichtiger – ich spürte, wie meine Konturen verschwammen, wie sich meine Haut in warme Farbtöne auflöste und ich mich Schicht um Schicht in die Landschaft hineinmalte.

Der Turm von Nexus schien näher zu kommen, ohne dass ich mich bewegte. Seine Wände bestanden aus übereinanderliegenden Farbschichten, die sich ständig neu arrangierten. Wie ein lebendiges Gemälde, das nie fertig wurde. In seinen Fenstern erkannte ich Gesichter – meine eigenen Gesichter, aber in verschiedenen Farbtönen. Ein gelbes Ich lächelte traurig, ein blaues Ich schrie stumm, ein grünes Ich starrte mit leeren Augen in die Ferne.

„Du hast dich schon oft gemalt", sagte die Stimme,
„Aber niemals in der wahren Farbe."

„Ich bin die Farbe, die du nie zu malen wagtest", sagte sie.

„Die Farbe deiner Angst vor dem leeren Blatt."

Sie tauchte den Pinsel in die Luft und begann, mich zu malen. Jeder Strich brannte wie ein Versprechen und ein Schmerz zugleich.
Ich fühlte mich gleichzeitig erschaffen und ausgelöscht, wurde zu einem lebendigen Bild, das sich mit jedem Pinselstrich neu erfand.

„Die wahre Farbe", flüsterte sie, während sie meine Augen mit einem Ton malte, der aus zermahlenen Sterne bestand, „ist die Farbe des Mutes, den leeren Raum zu füllen."

Die Welt um mich herum begann zu zerfließen. Der Turm löste sich in einzelne Pinselstriche auf, die Farbströme verdampften zu farbigem Nebel, und die schwere Luft wurde zu einem sanften Wind, der nach Bleistiftspänen roch. Das letzte, was ich sah, waren meine Augen im zerbrochenen Spiegel der Farbwelt – gemalt in der wahren Farbe.

Der Farbe des Beginnens.

Dann löste sich alles auf, und ich erwachte an meinem Schreibtisch,
den Bleistift noch immer in der Hand.

Der erste Strich war getan.