Der Ficus meiner Schwester

Fotosynthese des Wahns


Die Wände meiner Wohnung schienen sich jeden Tag ein Stück weiter zu verengen. Seit vier Monaten hatte ich das Haus nicht mehr verlassen – nicht seit dem Vorfall. Meine Hände zitterten, während ich zum wiederholten Mal die Vorhänge zuzog und das schwache Tageslicht aussperrte.

Die Ärzte hatten gesagt, es sei nur eine vorübergehende Stressreaktion. Die Tabletten würden helfen. Aber die Tabletten machten alles nur schlimmer, verwandelten die Welt in einen nebligen Alptraum, in dem ich kaum noch wusste, was real war und was nicht.

Es hatte mit der kleinen Topfpflanze auf meiner Küchenzeile angefangen. Ein mickriger Ficus, den mir meine Schwester geschenkt hatte, bevor sie aufgab, mich wöchentlich zu besuchen. Ich saß am Küchentisch, starrte die welken Blätter an, und plötzlich... plötzlich hörte ich eine schwache Stimme: "Wasser... bitte... "

Als ich bemerkt hatte, dass ich mit der Natur kommunizieren konnte, wurde alles noch schlimmer.

Ich rannte ins Badezimmer, spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht, versuchte den Wahnsinn wegzuwaschen. Aber er blieb. Er wuchs. Jeden Tag wurde er stärker. Bald sprachen alle toten Blätter in meiner Wohnung mit mir. Die vertrockneten Blumen in der Vase auf dem Fensterbrett flüsterten mir Vorwürfe zu. Das Parkett unter meinen Füßen knarrte nicht mehr nur – es schrie. Es schrie über das, was ihm angetan worden war, über die Bäume, die gefällt werden mussten, damit ich darauf gehen konnte.

Die Nächte wurden zur Hölle. Überall Stimmen. Das Holz der Möbel, die Baumwollfasern meiner Kleidung, sogar das Papier der Bücher in meinem Regal – alles redete auf mich ein, klagte mich an, verfolgte mich mit Geschichten von Zerstörung und Tod. Ich stopfte mir Ohrstöpsel in die Ohren, zog mir die Decke über den Kopf, aber die Stimmen kamen nicht von außen. Sie kamen aus meinem Kopf, bohrten sich durch mein Bewusstsein wie Parasiten.

Ich hatte begonnen, alle Pflanzen aus der Wohnung zu entfernen. Erst die große Palme im Wohnzimmer, dann die Kräuter auf der Fensterbank. Ich warf sie in den Müll, ignorierte ihre schwächer werdenden Hilferufe. Aber es reichte nicht. Das Holz blieb. Der Parkettboden, die Möbel, die Fensterrahmen – sie alle sprachen zu mir, Tag und Nacht.

Meine Schwester fand mich drei Wochen später. Ich hatte begonnen, die Holzmöbel mit einem Hammer zu zerstören, um die Stimmen zum Schweigen zu bringen. Sie fand mich inmitten von Trümmern, heulend und mit blutigen Händen, während ich auf die Reste meines Esstisches einschlug. Es tut mir leid, flüsterte ich immer wieder. Es tut mir so leid.

Aber niemand antwortete mehr.
Die Stimmen waren verstummt.


Die Klinik ist steril und weiß. Hier gibt es kein Holz, keine Pflanzen, nichts Natürliches. Nur Kunststoff und Metall und die gleichmäßigen Schritte des Pflegepersonals auf dem Vinylboden.

Endlich Ruhe.
Endlich Stille.