Das Gepäckband

Über einen Stenografen, der sein eigenes Leben nie protokollierte


Ich bin Gerichtsstenograf. Mein Beruf ist es, zu hören, was andere sagen, und es festzuhalten, ohne etwas dazuzutun. Ich bin gut darin. Über mein eigenes Leben habe ich nie Protokoll geführt. Wer aufschreibt, was ist, nimmt nicht teil an dem, was geschieht.

„Herr Obermeier? Wir landen gleich.“

Die Stimme der Flugbegleiterin riss mich aus einem Zustand, der kein Schlaf war. Unter uns schob sich der Flughafen durch die Wolkendecke. Auf meinem Schoß lag kein Buch, sondern ein alter, anonymer Lederkoffer. Kein Anhänger, kein Name, kein Schloss. Als ich die Schnallen berührte, sprangen sie mit einem harten, hellen Metallton auf.

Keine Kleidung. Kein Kulturbeutel. Im dunklen Samt lagen nur fünf Gegenstände: ein Schwarz-Weiß-Foto von 1974, ein Zylinderschlüssel mit der Gravur 304, eine zerstörte Diktiergerät-Kassette, ein verharzter Messingkompass und ein Stenoblock.

Das Foto zeigte drei Menschen vor einem U-Bahn-Eingang. Zwei Gesichter waren verwaschen. Das dritte gehörte einem Kind mit meiner Narbe auf der Stirn. Auf der ersten Seite des Blocks stand in frischer Tinte, geschrieben in meiner eigenen Kurzschrift: „Drei Stunden. Gleis 3.“

Ich schloss den Koffer, nahm ihn mit und ging durch die Zollkontrolle direkt zum Ausgang. Ich wusste, wohin ich musste, auch ohne Stadtplan. Zuletzt war ich an jenem U-Bahnhof gewesen, als ich fünfzehn war.

Der Eingang war von einem Bauzaun verstellt, doch der Schlüssel 304 passte in das verrostete Vorhängeschloss der Wartungstür. Unten, an Gleis 3, gab es keinen Kontrollraum. Nur einen schmalen Schacht und einen einzigen, flachen Monitor.

Auf dem Bildschirm lief eine lautlose Aufzeichnung. Mein Vater im Krankenbett, das Gesicht zur Seite gedreht, die Lippen in Bewegung. Daneben: ich selbst, damals, den Stift über dem Papier blockiert. Ich saß da und schrieb nichts. Ich, der alles aufschreibt.

Ich hielt das Foto an die Mattscheibe. Das verwaschene Gesicht links neben dem Kind schärfte sich: mein Vater, jung und lachend. Der Mann auf der rechten Seite bekam für einen Herzschlag meine eigenen, gealterten Züge, bevor er wieder verblasste.

Plötzlich begriff ich, wie mein Gedächtnis mich betrogen hatte. In jener Nacht hatte ich nur auf die Nulllinie des Überwachungsmonitors gestarrt. Seine letzten Worte hatte ich nicht überhört, weil sie leise waren – ich hatte sie ausgeblendet, weil das Zuhören bedeutet hätte, das Ende zu akzeptieren.

Hinter mir knarrte eine Diele.

Ich drehte mich nicht um. In einem U-Bahnschacht gibt es keine Dielen.

Als ich am Gepäckband 4 stand, glitt der schwarze Lederkoffer als Letzter aus der Klappe. Ich nahm ihn mit zu einer freien Bank, öffnete ihn, schlug den Stenoblock auf und zog den Stift aus der Innentasche.

Über dem Förderband flimmerte plötzlich ein Monitor an. Kein Flugplan. Das Krankenbett. Ein leises, rasselndes Atmen schnitt durch die sterile Halle. Die Lippen meines Vaters formten die Worte, die ich damals nicht hören wollte.

Meine Hand zitterte nur bei den ersten beiden Zeichen. Dann lief sie flüssig, exakt so, wie sie in all den Jahren gelaufen war, wenn jemand sprach und ich dafür bezahlt wurde, zuzuhören.

Sprecher: Vater.

Hinter mir knarrte eine Diele.

Ich schrieb weiter.