Ein letzter Tritt in den Hintern – postmortal serviert.
Es war ein regnerischer Dienstagmorgen, als ich mit schwerem Herzen das kleine Friedhofstor aufstieß. Der Himmel weinte, wie es sich für so einen Anlass gehörte, und ich war mir sicher, dass meine Oma darüber geschmunzelt hätte. Sie hatte Regen geliebt, meinte immer, das reinige die Luft und den Geist.
Ich hingegen hasste ihn.
Nass, kalt, unangenehm. Genau wie Beerdigungen.
Der Sarg stand bereits über der Grube. Blumen in grellen Farben waren drum herum verteilt, als hätte jemand einen Malkasten über den Friedhof geworfen. Die Farben leuchteten schrill gegen das matte Grau des Himmels. Regentropfen tanzten wie leise Melodien auf dem Sargdeckel.
Da ertönte ein Geräusch, ein Knarren. Holz auf Metall.
Dann: ein dumpfer Schlag.
Ich dachte erst, ich hätte mich verhört.
Doch dann hob sich langsam der Sargdeckel. Erst ein Spalt, dann eine Handbreit, als würde etwas mit kalter Entschlossenheit an die Oberfläche drängen. Knorrige Finger schoben sich hervor, bleich und sehnig, mit Nägeln, gesplittert und scharf wie kleine Klingen, bereit, sich festzukrallen.
Dann kam der Rest.
Der Körper richtete sich auf, steif und ruckartig, als gehorche er keinem eigenen Willen mehr. Der Kopf drehte sich langsam in meine Richtung – viel zu langsam.
"Du bist es?"
Meine tote Oma.
In ihrer blau-weißen Kleiderschürze und mit ihrer Dutt-Frisur,
wie immer.
Sie setzte sich auf und blickte mich an,
als sei nichts Ungewöhnliches geschehen.
"Na, da steh ich noch einmal auf, und du schaust, als hättest du den Teufel gesehen!", schnaufte sie, klopfte den Staub vergangener Zeiten von den Schultern und ließ die Beine baumeln.
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
"Oma?" fragte ich mit zittriger Stimme.
"Natürlich ich, wer sonst? Der Gärtner?" Sie verdrehte amüsiert die Augen.
"Du siehst aus wie ein nasser Hamster.
Kein Wunder, bei dem Lebenswandel."
Ich wollte protestieren – irgendetwas sagen über Stress, Selbstfindung oder dass heute alles anders sei. Doch die Worte erstickten in meiner Kehle, unfähig sich zu befreien.
Vielleicht, weil sie recht hatte.
Vielleicht, weil ich sie so sehr vermisse.
Sie blickte mich mit diesem strengen Blick an, den sie früher immer hatte, wenn ich als Kind ihre Tischdecke mit Ketchup ruiniert hatte.
"Setz dich", sagte sie und klopfte neben sich auf den Sargdeckel.
"Wir müssen reden."
Wie hypnotisiert setzte ich mich.
Der Regen prasselte auf uns herab, während sie sich zu mir beugte und sagte:
"Du vergeudest dein Leben, mein Kind. Diese dämlichen TikToks. Diese nächtlichen Pizza-Orgien. Kein einziger klarer Gedanke in deinem Kopf. Schreib mal einen Brief! Lies ein gutes Buch! Du erstickst zwischen Likes und Lieferservice. Du brauchst keine Filter, du brauchst ein Rückgrat. Zieh dir was Richtiges an, jeder latscht nur noch in Jogginghosen rum, als wär das Leben ein endloser Sonntag im Altersheim! Geh raus. Sprich mit echten Menschen. Nicht alles, was blinkt, ist ein Leben. Ich hab den Krieg überlebt, du überlebst nicht mal einen Tag ohne WLAN."
Ich wollte etwas sagen, aber sie ließ mich nicht.
"Und deine Freunde – allesamt Trottel. Der eine säuft Energydrinks wie Wasser, der andere redet nur vom Crypto-Geld. Früher hat man Freunde gehabt, mit denen man Kartoffeln geerntet hat. Heute seid ihr stolz, wenn ihr ein Grundstück im Metaverse verkauft. Und am schlimmsten: Ihr glaubt, ihr seid gestresst. Gestresst! Wegen Deadlines, Pushnachrichten und Zoom-Meetings. Früher hat man Stress gehabt, wenn der Stall abgebrannt ist oder die Ernte eingegangen. Nicht, weil Netflix fragt: Willst du weiterschauen?"
Mit einem Blick, der keine Widerrede duldete, ließ sie die Bombe platzen:
"Ich bin aus dem Grab gestiegen, weil du dich selbst langsam beerdigst – und zwar lebendig. Reiß dich zusammen, bevor das Leben dich endgültig zuschaufelt."
Ich schluckte. Hart.
Ihr Blick war derselbe wie früher, wenn ich beim Schuleschwänzen erwischt wurde – diese kalte Mischung aus Enttäuschung und unerschütterlicher Hoffnung.
Sie stand auf, klopfte sich das Leid von ihrer Kleiderschürze, als wär’s nur Dreck vom Kartoffelacker, sah mich an wie ein Feldwebel kurz vor Dienstschluss und fauchte: "
Und das nächste Mal, wenn ich wiederkommen muss,
bring ich den Gürtel mit, und keine Ratschläge."
Dann drehte sie sich, ließ sich zurück in den Sarg sinken, faltete die Hände mit einem Seufzer, der sich anfühlte wie ein Schlussstrich – und grantelte in sich hinein:
"Entweder du packst dein Leben bei den Eiern, oder du verkommst zur Lachnummer, die nur zuschaut und nichts auf die Reihe kriegt."
Plötzlich war es still.
Nur die Regentropfen tanzten wie leise Melodien auf dem Sargdeckel.