Jenseits der letzten Stunde

Das Portal in Kapitel 17


Es begann an einem verregneten Dienstagabend.
Ich lag auf dem alten, knarrenden Sofa, eingewickelt in eine Decke, mit einem abgegriffenen Science–Fiction–Buch aus der Stadtbibliothek:
"Jenseits der letzten Stunde."

Ich blätterte gerade zu Kapitel 17, als die Luft um mich herum plötzlich zu knistern begann. Ein seltsames Licht strömte aus den Buchseiten — pulsierend, lebendig.

Ich rieb mir die Augen.

Plötzlich wirbelte ein Windhauch durch das Wohnzimmer, obwohl alle Fenster geschlossen waren. Dann, wie aus einem alten Schwarz—Weiß—Film, begann eine Figur aus dem Buch zu steigen.

Aber es war nicht irgendein Held in Hightech—Raumanzug.

Nein.
Es war meine Oma.

Sie trug ihre verwaschene Leinenschürze, vorne mit zwei großen Taschen, und das Haar mit einem Kopftuch zurückgebunden, wie immer.

Ihre Augen funkelten – und ich fühlte mich für einen Moment wieder geborgen, sicher und geliebt.

"Ach Kind", sagte sie, als hätte sie mich gerade zum Nachmittagskaffee geweckt. "Was liest du da für einen Unsinn?"

Ich starrte sie an, unfähig zu sprechen.

Das Knistern im Raum wurde lauter, und dann schloss sich das Buch mit einem dumpfen Knall. Oma trat einen Schritt auf mich zu, und ihre Stimme klang plötzlich ernster, fast drängend.
"Du darfst nicht weiterlesen."

Verwirrung blitzte in mir auf. "Aber — wa — warum?"

Sie beugte sich vor,
ihr Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt.
"Dieses Buch — es ist mehr als nur eine Geschichte.
Es ist ein Tor.
Ein Tor in eine Welt, die du nicht verstehst,
und die dich verschlingen kann."


Kalter Schauer lief mir über den Rücken. Draußen peitschte der Regen gegen die Fenster, und das Flackern der Straßenlaterne warf gespenstische Schatten in den Raum.

Meine Hände zitterten, als ich nach dem Buch griff.
"Oma, du bist tot. Seit fünf Jahren."
Die Worte brachen aus mir heraus wie Glassplitter.

Sie lächelte traurig und strich mir über die Wange. Ihre Hand fühlte sich warm an – real.
"Tod ist nur ein Wort, Liebes.
Ein Konzept für die, die nicht verstehen, was jenseits der letzten Stunde liegt."


Das Buch pulsierte in meiner Hand, lebendig wie ein Herzschlag, als würde es leben. Die Schrift auf dem Umschlag schien zu fließen, die Buchstaben tanzten und formten neue Worte.

""Es hat mit dir angefangen", flüsterte Oma. "Jedes Mal, wenn du gelesen hast – jede Geschichte, jedes Märchen – sie haben dich vorbereitet."

Aber dieses hier —
Sie deutete auf das Buch. "Dieses Buch liest dich."

Ich spürte, wie meine Finger das Buch nicht mehr kontrollierten, sondern dass es mich führte. Die Worte auf den Seiten leuchteten auf, bildeten ein Muster, das sich wie ein Portal öffnete – schwarz wie die Nacht, aber von innen funkelnd, als ob tausend Sterne darin gefangen wären.

Oma trat zur Seite, und ich konnte hinter ihr die Grenze zwischen unserem Wohnzimmer und dieser neuen Welt sehen – ein schmaler Spalt, der pulsierte und lockte.

Ein Riss im Stoff der Realität.
Mein Herz raste. Angst und Neugier rangen in mir.

"Was passiert, wenn ich hindurchgehe?"
flüsterte ich – doch innerlich schrie alles in mir.
Ich hatte sie verloren. Ich wollte sie zurück. Ich wollte bleiben.

Oma sah mich an, ernst.
"Du wirst vergessen, wer du bist – und finden, wer du wirklich warst."

Das Buch vibrierte in meinen Händen. Die Seiten flackerten, als würden sie atmen. Worte wirbelten durcheinander, formten neue Sätze, Zeichen, Bedeutungen. Der Spalt im Raum klaffte offen. Stimmen flüsterten daraus – vertraut und doch verzerrt.

"Du musst dich entscheiden", raunte Oma.
"Bleib – oder geh. Aber nicht beides."

Ich trat einen Schritt vor. Das Licht aus dem Portal legte sich auf meine Haut – wie Frost und Glut zugleich.

Ich schlug das Buch auf.
Omas Blick war das Letzte, was ich sah – traurig, aber stolz.

Und dann – war ich fort.




Am nächsten Tag lieh sich ein anderer Besucher der Stadtbibliothek das Buch aus. Auch er legte sich auf sein Sofa, wickelte sich in eine Decke und begann zu lesen.

Kapitel 17