Die Silberne Herrin

und der Hauch des Vergessens


Lange bevor die Menschen den Himmel zu deuten lernten und die Götter noch über die junge Welt herrschten: In den ältesten Zeiten lag die Welt atemlos unter ihrer Herrschaft, und unter ihnen war die jungfräuliche Mondgöttin Selene. Sie war von solch blendender, kalter Schönheit, dass die Sterne selbst vor Neid erbleichten. Ihr Licht war reines Silber, ein strahlender Schild gegen alles, was dunkel, triebhaft oder unordentlich war.

Selene liebte die Ordnung. Sie wachte über die klaren, wachen Träume der Denker und die geheimen Eide der Liebenden. Sie thronte als ewiger, voller Mond am Zenit und sah herab auf die Erde wie eine strenge, aber gerechte Königin.

Doch tief unter ihr, dort, wo die Wurzeln der Berge in die ewige Nacht tauchten, lebte Erebos, der Urgott der Finsternis, der das Ungeformte und das Verborgene hütete.

Eines Abends, als Selene gerade ihr silbernes Gewand über die schlafenden Wälder legte, fühlte sie einen Zug von unten, der stärker war als die Gesetze der Himmelskörper. Es war Erebos, er sprach, nicht mit Worten, sondern mit einem Gefühl so alt wie die Existenz selbst:
„Schwester der Nacht, du vergisst den Preis deines Lichts. Was du nicht sehen willst, verschwindet nicht. Es sammelt sich nur an und wartet. Dein heller Mond ist ein schönes Gefängnis für die Seelen der Menschen."

Selene lachte kühl. „Du bist das Chaos, Erebos. Die Angst der Kinder und der Zweifel der Narren. Ich bin die Herrin der Klarheit. Du sollst mir fernbleiben."

Doch Erebos hatte bereits eine Hand aus geronnenem Dunkel nach ihr ausgestreckt. Er berührte nicht ihren Körper, sondern den unerschütterlichen Stolz in ihrem Herzen.

Im selben Augenblick begann Selenes silbernes Licht zu schwinden. Es zerbröselte nicht, sondern es wurde aktiv aufgesogen. Tag für Tag schwand die Göttin dahin, zog sich zurück, als würde sie ein unsichtbares Schwert in die Scheide stecken.

Die Menschen am Boden sahen zu und murmelten von Mondsichel und Viertelmond. Sie sahen, wie Selene sich versteckte, ein stiller Rückzug in die Dunkelheit. Und dann kam die Nacht, in der sie gänzlich verschwunden war. Die Nacht des Neumondes.

Doch in jener Nacht des völligen Verschwindens, als der Himmel selbst den Atem anhielt, lag Selene tief im Reich des Erebos. Dort war keine Wärme, kein Trost, nur die wogende Schwärze des Anfangs, roh und uralt wie die Zeit selbst.

Und je länger sie in dieser Finsternis verweilte, desto stärker spürte sie, dass sie nicht nur ausgelöscht, sondern geprüft wurde. Die Dunkelheit kratzte an ihrem Wesen, löste Schichten ihrer Gewissheit ab und zeigte ihr Bilder, die sie nie hatte sehen wollen: gebrochene Schwüre, verdrängte Wünsche, Träume, die an ihren eigenen Schatten erstickten.

Erebos trat an sie heran wie ein Nachtwind, lautlos und unergründlich.
"Dein Licht war makellos", zischte er, "und darum gefährlich. Alles, was du verbannt hast, findet seinen Weg zurück. Nichts bleibt ewig rein."

Selene wollte widersprechen, doch sie fand keinen Halt, nicht in sich selbst und nicht in ihrem einst so strahlenden Licht. Es war, als würde ihr Herz an der Dunkelheit entlangschrammen und Funken schlagen.

Als sie schließlich wieder emporstieg, war es kein sanftes Erwachen. Sie riss sich aus der Umklammerung des Erebos wie eine Klinge, die aus einer kalten Scheide gezogen wird. Ihr Licht kehrte zurück, aber es war nicht mehr makellos. Es flackerte an den Rändern, als brenne darin etwas, das nicht von dieser Welt war.

Die Menschen sahen die dünne Sichel und erzitterten. Das war nicht mehr nur die Rückkehr der Mondgöttin, es war ihr Mahnmal. Denn in ihrem neuen Schimmer lag ein Hauch von etwas Unheimlichem, als erinnere er daran, dass auch das Licht eine Schuld trägt.

Und so wandelt der Mond seit jener uralten Nacht.
Nicht aus reiner Gnade, sondern aus einer unerbittlichen Einsicht: Dass kein Licht bestehen kann, ohne seine eigenen Schatten zu tragen, und dass selbst eine Göttin, um ganz zu werden, einmal sterben muss.