Naschmarkt, 10:47 Uhr

Ein gewöhnlicher Samstagvormittag


Der Mann mit dem gelben Stoffsackerl kommt jetzt schon zum dritten Mal an mir vorbei. Ich zähle mit. Er stoppt beim Käsestand, hebt ein Stück Bergkäse hoch, riecht daran, legt es zurück. Kauft nichts. Geht weiter. Ich frage mich, ob er jemanden sucht oder ob er einfach so ist — einer von denen, die Märkte nicht zum Einkaufen besuchen, sondern um das Gefühl zu haben, irgendwo hinzugehören. Ich kenne das. Ich sitze ja auch hier und kaufe nichts.

Zwei Frauen, Mitte fünfzig vielleicht, bleiben direkt vor mir stehen und reden so laut, als wäre ich eine Parkbank in einem leeren Park. Die eine hat eine Einkaufstasche aus Leder, die aussieht, als hätte sie mehr gekostet als meine Monatsmiete. Die andere trägt Turnschuhe, die noch nie einen Sport gesehen haben. Sie streiten sich auf eine Art, die kein Streit ist — diese besondere Wiener Methode, wo man Liebenswürdigkeit als Waffe einsetzt. „Aber du hast ja immer recht, Herta." Kurze Pause. „Ich sag ja nur." Längere Pause. „Bitte." Das letzte Wort klingt wie ein Messer, das man ganz langsam auf einem Wetzstein schleift.

Sie gehen weiter. Ich atme durch.

Ein Kind – vier, vielleicht fünf Jahre alt — hat sich losgemacht von irgendjemandem und steht jetzt in der Mitte des Weges und schaut nach oben. Nicht zu einem Stand, nicht zu einer Person. Einfach nach oben, in den bewölkten Wiener Himmel, als würde da gleich etwas passieren. Alle weichen ihm aus. Keiner sieht ihn dabei. Nur ich. Und ich denke: Genau das ist es, was ich verloren habe. Dieses einfache, schamlose Innehalten mitten im Strom. Das Kind macht das noch. Ich würde mich schämen. Ich sitze auf einer Bank und schäme mich dafür nicht — aber mitten auf dem Weg stehen bleiben und nach oben schauen, das wäre zu viel.

Ein Mann verkauft Oliven. Er ruft etwas. Ich verstehe nicht was, aber der Rhythmus ist schön, fast musikalisch, ein Ruf, der sich wiederholt und sich dabei unmerklich verändert, so wie ein Atemzug sich von dem vorherigen unterscheidet und doch derselbe ist. Neben ihm steht eine junge Frau, wahrscheinlich seine Tochter, und scrollt durchs Handy. Sie ist nicht hier. Sie ist irgendwo, wo es wärmer ist oder aufregender oder zumindest weniger nach alten Oliven riecht.

Ich beobachte die Touristen. Sie sind leicht erkennbar, nicht wegen der Kameras – kaum einer hat mehr eine Kamera, alle fotografieren mit dem Telefon –, sondern wegen der Art, wie sie gehen. Ortsansässige gehen zielstrebig oder gelangweilt, beides geht auch gleichzeitig. Touristen gehen staunend, und das Staunen macht sie langsam und sie entschuldigen sich ständig, weil sie im Weg stehen, und das Entschuldigen macht sie noch langsamer. Ein Pärchen aus dem, was ich für Skandinavien halte – sie sind zu groß und zu blond für alles andere —, fotografiert denselben Stand zweimal. Vielleicht dreimal. Ich kann es von hier aus nicht genau sagen. Die Paprika sind sehr rot. Ich verstehe es.

Hinter mir spricht jemand Arabisch ins Telefon. Eine Stimme, die gleichzeitig fordernd und liebevoll klingt. So kann man nur mit Familienmitgliedern reden. Mit fremden Menschen spricht man entweder höflich oder kalt. Diese warme Schärfe, dieses Ich liebe dich und du machst mich wahnsinnig in jedem dritten Satz — das ist etwas, das man nur lernt, wenn man jahrelang mit jemandem zusammenlebt. Die Stimme lacht kurz. Dann wird sie wieder ernst. Ich drehe mich nicht um. Manche Gespräche gehören den Menschen, die sie führen.

Der Mann mit dem gelben Stoffsackerl kommt wieder. Viertes Mal. Er sieht mich an und nickt, als hätten wir eine Vereinbarung. Vielleicht haben wir eine. Vielleicht sind wir beide hier, um nichts zu kaufen und trotzdem das Gefühl zu haben, unter Menschen zu sein, ohne wirklich bei ihnen sein zu müssen. Das ist die große Kunst des Stadtlebens: die Nähe ohne die Verbindlichkeit. Das Miteinander ohne das Gespräch. Man ist zusammen und allein gleichzeitig, und wenn man ehrlich ist, ist das manchmal die angenehmste Form von Gesellschaft.

Eine alte Frau schiebt einen Rollator. Sie bewegt sich sehr langsam, aber mit einer Würde, die ich bewundere. Sie lässt sich von niemandem drängen. Der Markt fließt um sie herum wie Wasser um einen Stein. Sie bleibt vor einem Blumenstand stehen und betrachtet die Tulpen sehr lange. Kauft dann fünf Stück, gelbe, und legt sie in den Korb des Rollators. Das dauert, und der Verkäufer wartet, und keiner drängt, und ich denke: Wien kann das. Wien kann geduldig sein mit alten Menschen. Das ist nicht überall so.

Ein Hund schnüffelt an meinen Schuhen. Sein Mensch zieht ihn weg und sagt „Bitte, Bruno" auf eine Art, die klar macht, dass Bruno sich nie um solche Bitten schert. Bruno schert sich nicht. Ich strecke die Hand aus. Bruno schnüffelt, urteilt, geht. Auch das ist eine Form von Kontakt.

Die Wolken verschieben sich. Für einen Moment kommt Sonne, und der ganze Markt verändert sich, die Farben werden satter, die Schatten schärfer, alle heben kurz den Kopf. Dann ist sie wieder weg. Aber dieser eine Moment — dieses kurze, kollektive Aufblicken, diese sekündliche Gemeinschaft ohne Absprache, ohne Kenntnis voneinander —, das ist vielleicht das, wofür ich hierhergekommen bin. Nicht um Käse zu kaufen. Nicht um Oliven. Sondern für diesen Moment, in dem alle dasselbe sehen und alle dasselbe denken und keiner dem anderen davon erzählt, weil es so selbstverständlich ist.


Der Markt macht weiter. Ich sitze noch eine Weile.